Jugendliche schützen ihre Privatheit auf sozialen Medien nicht nur individuell, sondern auch im Kollektiv. Basierend auf den theoretischen Annahmen des Social Media Privacy Model (Trepte, 2021) und dem empirisch getesteten Model of Collective Information Processing (Schindler, 2023), untersucht diese Arbeit wie diese kollektiven Prozesse ablaufen. Hierbei werden Kleingruppen als informationsverarbeitende Systeme betrachtet, die Lösungen für den Schutz ihrer Privatheit etablieren. Es wird untersucht, ob die kollektive Informationsverarbeitung eher offen oder geschlossen, systematisch oder automatisch abläuft und ob dies zu einer Einstellungsänderung bei den einzelnen Gruppenmitgliedern führt. Diese Schnittstelle zwischen Kleingruppen- und Privatheitsforschung fand bisher noch keine Anwendung in wissenschaftlichen Arbeiten.
Die Befragung bestand aus Einzel- (N = 172) und Gruppeninterviews (N = 50), begleitet mit experimentellen Anteilen in Form von Fallbeispielen. Die Auswertung erfolgte mittels hierarchischer Multilevel Regression und Within-Person-t-Tests.
Die Ergebnisse zeigen, dass Jugendliche ihre Privatheit intensiv im Kollektiv durch Gespräche regulieren und dabei bereit sind, Informationen systematisch zu verarbeiten. Sie nutzen hierfür hauptsächlich den Verarbeitungsmodus der Bestätigung, wobei sie trotz systematischer Verarbeitung ein bereits vorher festgelegtes Ziel anstreben. Trotz der Homogenität der Gruppen und der kurzen Gespräche, kam es zu Meinungs- und Einstellungsänderungen bei den Jugendlichen. Unter anderem streben sie zukünftig einen intensiveren Austausch über Privatheit in ihrem Umfeld an.
Aus praktischer Sicht wird deshalb eine Sensibilisierung durch weitere Interventionen an Schulen empfohlen. Aus wissenschaftlicher Perspektive sind die Ergebnisse teilweise nicht ganz eindeutig. So sinkt beispielsweise das Vertrauen in das eigene Netzwerk im Zeitverlauf, während die Zufriedenheit mit der eigenen Privatheit steigt. Es bedarf weitere empirischer Analysen, um das Zusammenspiel der einzelnen Mechanismen ganzheitlich zu verstehen.