Baz Luhrmanns The Great Gatsby (USA, 2013) übersetzt die sozialen Gegensätze und die ausgeprägte Konsumkultur der amerikanischen 1920er-Jahre in eine stark stilisierte Bild- und Klangwelt. Monumentale Villen, rauschende Feste und demonstrativer Luxus stehen dem von Staub, industriellem Verfall und körperlicher Erschöpfung geprägten Valley of Ashes gegenüber. Die bisherige Forschung hat filmische Armutsdarstellung, Reichtumsinszenierung, historische Stilisierung und Filmmusik bereits aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet – eine systematische Analyse jedoch, die untersucht, wie audiovisuelle Mittel im Zusammenspiel von Reichtum und Armut als unterschiedliche soziale Lebenswelten hervorbringen, steht für The Great Gatsby aus. Damit rückt die filmische Konstruktion sozialer Ungleichheit ins Zentrum der Untersuchung. Die Studie verortet sich in mediensoziologischen und filmtheoretischen Debatten zur Darstellung gesellschaftlicher Wirklichkeit durch Film. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Filme soziale Verhältnisse nicht lediglich abbilden, sondern durch ihre spezifische audiovisuelle Gestaltung aktiv Bedeutungen produzieren. Analytisch leitend sind filmische Raumsemantik sowie Mise-en-scène, Musik und Konsumgüter als soziale Marker.
Methodisch folgt die Studie der soziologischen Film- und Fernsehanalyse nach Peltzer und Keppler (2015). Grundlage ist der gesamte Film. Neun Schlüsselszenen wurden nach Prinzipien minimaler und maximaler Kontrastierung ausgewählt, transkribiert sowie visuell und auditiv beschrieben und vergleichend interpretiert.
Die Ergebnisse zeigen, dass soziale Ungleichheit vor allem über eine hierarchisch codierte Raumordnung erfahrbar wird. East Egg steht für ererbten Wohlstand, der durch symmetrische Kompositionen, ruhige Kamerabewegungen und orchestrale Musik als selbstverständlich naturalisiert wird. Gatsbys „new money“ hingegen erscheint durch schnelle Schnittfolgen, rastlose Kamerabewegungen und den exzessiven Einsatz von Luxusobjekten als demonstratives Spektakel. Das Valley of Ashes bildet den audiovisuellen Gegenraum: Entsättigte Farben, industrielle Geräusche, verschmutzte Kleidung und erschöpfte Körper markieren materielle Begrenzung und sozialen Ausschluss. Auch die Musik trägt zur Differenzierung bei: Der Einsatz anachronistischer Popmusik ist ausschließlich an Räume des Reichtums gebunden. Im Plaza Hotel verstummt die Musik vollständig – und Gatsbys Abwertung als „Mr. Nobody-From-Nowhere“ legt offen, dass materieller Aufstieg zwar Zugang zur Welt des Reichtums ermöglicht, gesellschaftliche Anerkennung jedoch an Herkunft gebunden bleibt.
Die Analyse zeigt, dass The Great Gatsby soziale Ungleichheit nicht nur darstellt, sondern durch seine audiovisuelle Gestaltung als räumliche und soziale Ordnung konstruiert und naturalisiert. Zugleich inszeniert der Film die privilegierte Lebenswelt, deren Ausschlussmechanismen er offenlegt, als visuell und musikalisch faszinierendes Spektakel und reproduziert damit ästhetisch, was er thematisch problematisiert. Die Arbeit leistet damit einen Beitrag zum Verständnis, wie populäre audiovisuelle Medien Vorstellungen von Reichtum, sozialer Zugehörigkeit und Ungleichheit strukturieren und gesellschaftlich mitprägen.