Wie beeinflussen soziale Medien die Entstehung von Identitäten in einem der ältesten und komplexesten Konflikte der Welt? Der Nahostkonflikt, der seit dem 19. Jahrhundert immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führt, stellt ein global bedeutsames und tief verwurzeltes Thema dar, das historische und religiöse Spannungen aufzeigt.
Diese qualitative Studie untersucht die konkurrierenden Narrative der pro-israelischen und pro-palästinensischen Gruppen auf der Plattform X im Kontext dieses Konflikts und beleuchtet, welche identitätsstiftenden Elemente in diesen Narrativen zum Vorschein kommen. Besonders nach einer erneuten Eskalation des Konflikts am 7. Oktober 2023 wird die Rolle sozialer Medien als zentrale Plattformen für die Konstruktion und Verstärkung sozialer Identitäten deutlich. Durch den Einsatz des Social Identity Approach (SIA), der die Social Identity Theory (SIT) und die Self Categorization Theory (SCT) integriert, wird untersucht, wie die digitale Darstellung von Zugehörigkeit nicht nur den Konflikt in sozialen Medien intensiviert, sondern auch die Gruppenzugehörigkeit auf beiden Seiten stärkt. Anhand einer qualitativen Inhaltsanalyse von 324 Beiträgen, die populäre Hashtags wie #FreePalestine und #StandWithIsrael umfassen, werden diese Mechanismen sichtbar.
Die Ergebnisse zeigen, wie Narrative von Opferrollen, Solidarität und historischen Rahmungen gezielt genutzt werden, um die eigene Gruppe zu stärken und die Gegenseite abzuwerten. Während pro-israelische Beiträge stark auf externe Akteure, Verteidigung und die moralische Abwertung der Gegenseite setzen, dominieren im pro-palästinensischen Diskurs vor allem Proteste, kollektives Leid und symbolische Ausdrucksformen. Beide Narrative nutzen dabei gezielt Opfer- und Täterrollen, um die eigene Gruppe zu stärken und sich von der Fremdgruppe abzugrenzen. Diese Untersuchung liefert wertvolle Einblicke in die Prozesse, mit denen digitale Narrative die Bildung kollektiver Identitäten vorantreiben und den öffentlichen Diskurs im digitalen Zeitalter beeinflussen. Sie verdeutlicht, dass soziale Medien nicht nur als Instrumente der Informationsverbreitung, sondern auch als bedeutende Räume der Identitätsbildung und -aushandlung im Kontext politischer Konflikte fungieren.