Die filmische Erinnerung an den Genozid von Srebrenica ist bis heute von Leerstellen und verdrängten Narrativen geprägt. „Quo Vadis, Aida?” (BIH, 2020) erzählt dieses historische Trauma aus der Perspektive einer UN-Übersetzerin und arbeitet dabei auffällig mit dem Wechsel von Sichtbarkeit und Auslassung. Gewalt wird nicht ausgestellt, sondern über Off-Screen und akustische Signale erfahrbar gemacht. Damit rückt ein Spannungsfeld zwischen Bildraum und Imagination ins Zentrum, das die Rezeption strukturiert.
Die Arbeit verortet sich in filmtheoretischen Debatten zu Off-Screen und Hors-Champ sowie in Konzepten zum Raum jenseits des Bildrahmens. Off-Screen wird als technisch-neutrales Nicht-Zeigen gefasst und zugleich als ästhetische und narrative Strategie beschrieben. Ergänzend werden Ansätze zur akusmatischen Stimme und zum Verhältnis von Ton, Stille und Erwartung herangezogen.
Methodisch folgt die Studie der soziologischen Film- und Fernsehanalyse nach Peltzer und Keppler (2015). Untersucht wird sowohl die Ebene des filmischen Verlaufs als auch die Ebene der Verfahren. Grundlage ist der gesamte 103-minütige Film. Die Auswertung fokussiert elf Schlüsselszenen, die anhand forschungsleitender Kriterien ausgewählt, transkribiert und als Einstellungs- bzw. Sequenzprotokolle aufbereitet wurden. Das Sample entstand im Verlauf der Analyse nach Prinzipien der minimalen und maximalen Kontrastierung. Insgesamt umfasst das transkribierte Material 17:58 Minuten.
Die Ergebnisse zeigen, dass akustische Marker und Stille Off-Screen-Räume öffnen und das Unsichtbare markierbar machen. Wiederkehrende Ruhe nach Schüssen, das Verstummen an Tatorten und das Ausbleiben von Interventionen erzeugen Bedeutung und verlagern die Gewalterfahrung in den Bereich der Imagination. Dadurch entsteht eine Form der Zeugenschaft, die über Blicke und Reaktionen gebunden wird. Visuelle und akustische Leere verweisen zugleich auf Verdrängung und kollektives Vergessen, etwa in der Szenerie leerer Räume und Fahrzeuge.
Im Blick auf Geschlecht werden Muster hegemonialer Männlichkeit sichtbar sowie die Ohnmacht institutioneller Akteure. Im Zentrum steht die Figur der für die UN tätigen Übersetzerin Aida, die zwischen persönlicher Betroffenheit, familiärer Verantwortung und institutioneller Vermittlungsrolle navigiert. Ihre ambivalente Position eröffnet eine weibliche Perspektive, die klassische Opferbilder überschreitet und Formen von Handlungsmacht sichtbar macht.
Es wird deutlich, dass „Quo Vadis, Aida?” Erinnerung nicht nur darstellt, sondern selbst produziert. Der Film eröffnet einen Erfahrungsraum, in dem das Unsichtbare – die ausgelagerte Gewalt und die verdrängte Verantwortung – politisch und ästhetisch sichtbar gemacht wird. Damit leistet er nicht nur einen Beitrag zur filmischen Verarbeitung von Srebrenica, sondern auch zur Reflexion internationaler Verantwortung und kollektiver Erinnerungskultur.