Dieter Baacke etablierte in den 90er-Jahren sein Medienkompetenz-Modell mit den vier Dimensionen Medienkunde, Mediennutzung, Mediengestaltung und Medienkritik in Deutschland. Dabei stellt die Medienkritik die wichtigste Dimension dar. Bisherige Forschungen 1) erhoben Medienkritik meist nur als Nebenprodukt von Medienkompetenz, 2) verwendeten teils umstrittene Methodiken (wie Selbsteinschätzungen), 3) fokussierten sich auf Kinder oder ältere Erwachsene in bestimmten Rollen (zum Beispiel Eltern) und 4) gaben den Proband*innen anspruchsvolle Medieninhalte vor (beispielsweise Berichterstattungen über Terroranschläge). Daraus ergibt sich eine empirische Lücke, welche sich in folgender Forschungsfrage bündelt: Welche medienkritischen Gedankengänge machen sich junge Erwachsene der Generation Z bei der Rezeption eines niedrigschwelligen Instagram-Posts?
Die Frage wurde qualitativ mit leitfadengestützten fokussierten Interviews untersucht. Die homogene Auswahl der Proband*innen umfasste zehn Studierende und Absolvent*innen verschiedener Hochschulen und Universitäten, welche 1999-2003 geboren sind. Als Stimulus für die fokussierten Interviews wurde ein Instagram-Post gewählt, den sich die Interviewpartner*innen während der Gespräche ansehen sollten. In den Interviews wurden den Proband*innen Fragen zu dem Beitrag gestellt, welche implizit die drei Medienkritik-Dimensionen abdeckten. Das Thema Medienkritik wurde bis zur letzten Frage absichtlich nicht erwähnt: So sollte gewährt werden, dass die Interviewpartner*innen keiner Priming-Beeinflussung ausgesetzt waren. Die Auswertung der Interviews orientierte sich an der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker.
Die Auswertung zeigte, dass die medienkritischen Gedankengänge der Teilnehmenden hauptsächlich in der analytischen und ethischen Dimension anzusiedeln waren. Reflexive Denkprozesse, welche auf Verhaltensänderungen nach der Rezeption des Posts hinweisen, nahmen weniger Raum ein. Auch zeigten sich in den Ergebnissen teils Parallelen zu anderen Forschungen, wobei die Denkvorgänge der Proband*innen dieser Arbeit, verglichen mit jenen von Jugendlichen in anderen Erhebungen, einen differenzierteren Eindruck erweckten. Manche Gedanken wurden dabei von allen Teilnehmenden genannt (etwa Plattformlogiken sozialer Medien), während sie in anderen Aspekten stark divergierten.
Weitere Studien könnten überprüfen, ob es bei einer anderen homogenen Teilnehmenden-Auswahl zu abweichenden Ergebnissen kommt. Zusätzlich fanden sich Hinweise auf wiederkehrende Muster in Form von gleich gesetzten Foci im Gesagten der Interviewten, was anknüpfende Forschungen mit quantitativen Clusteranalysen aufgreifen könnten. Zudem könnten psychologische Effekte – etwa soziale Erwünschtheit, kognitive Dissonanz oder der Third-Person Effekt – auf die Denkprozesse der Teilnehmenden eingewirkt haben, weswegen zukünftige Erhebungen diesen möglichen Einflussnahmen nachgehen könnten.