Mit über 5,49 Milliarden monatlichen Aufrufen allein auf Pornhub ist Pornografie längst ein Teil der Mainstream-Medien. Parallel dazu hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten, begünstigt durch niedrige finanzielle Zugangshürden, alternative Pornografie etabliert, die sich in Ästhetik, Politik, Ethik und Ökonomie deutlich vom Mainstream absetzt. Studien deuten darauf hin, dass sie als „Safe Space“ für marginalisierte Gruppen fungiert, nicht-stigmatisierende Darstellungen ermöglicht und alternative Narrative eröffnet. Bisherige Forschung ist jedoch begrenzt und bezieht sich ausschließlich auf Frauen und nicht-binäre Personen.
Ziel dieser Arbeit war es daher, den Konsum und das Erleben alternativer Pornografie zu untersuchen und bestehende Forschungslücken zur Plattformnutzung, männlichen Perspektiven und inhaltlichen Präferenzen zu adressieren. Hierfür wurden zehn qualitative, semi-strukturierte Interviews geführt, um subjektive Erfahrungen zu explorieren. Theoretisch baut die Arbeit auf der Sexual Script Theory (SST) nach Gagnon und Simon auf, die Sexualität als sozial und kulturell geprägtes Phänomen versteht.
Die Ergebnisse zeigen, dass alternative Pornografie von Frauen und nicht-Cis-Männern vor allem aufgrund ethischer Produktionsstandards sowie als bewusste Abkehr von als unangenehm empfundenen Mainstream-Darstellungen konsumiert wird. Cis-Männer stoßen hingegen eher zufällig auf alternative Pornografie und nehmen in männlichen Peergroups eine geringere Sichtbarkeit wahr. Mit Blick auf die Plattformnutzung erweist sich Quinn als der am häufigsten verwendete Anbieter. Hinsichtlich der Nutzungserfahrung wird Audio-Pornografie als stark immersiv beschrieben, wobei die wahrgenommene Authentizität das Erleben maßgeblich prägt. Darüber hinaus kann der Konsum besonders bei Frauen und queeren Personen die sexuelle Identität und das Selbstbewusstsein stärken. In Beziehungen wird er meist offen verhandelt, was durch die wahrgenommene gesellschaftliche Akzeptanz alternativer Pornografie begünstigt wird. Gleichzeitig besteht der Wunsch nach vielfältigeren sexuellen Skripten, besserer Zugänglichkeit und fairer Entlohnung für die Darstellenden.
Die Erkenntnisse dieser Studie eröffnen Perspektiven für weitere Forschung zur Frage, ob und wie alternative Pornografie zu einem reflektierten Umgang mit Sexualität beitragen kann. Von besonderer Bedeutung ist dies im Hinblick auf junge Menschen, die zunehmend früher mit Pornografie in Berührung kommen.