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#Jugonostalgie: Wie wird das Phänomen in den sozialen Medien konstruiert?

Eine Inhaltsanalyse aktueller Beiträge am Beispiel von Reddit und Instagram

Obwohl mittlerweile über 30 Jahre seit dem Zerfall Jugoslawiens vergangen sind, bleibt die Vergangenheit des panjugoslawischen Staats in den daraus entstandenen neuen Republiken nach wie vor präsent. Die 1990er Jahre offenbarten nicht nur die düsteren und zerstörerischen Seiten eines Kriegs, sondern manifestierten sich auch in der Form einer Nostalgie gegenüber dem Staat Jugoslawiens ‒ ein Phänomen, das als „Jugonostalgie“ bezeichnet wird. Während die Balkanstaaten als Konsequenz des Zerfalls mit einem Anstieg an nationalistischen Gedankengut konfrontiert sind, gibt es gleichzeitig eine Wiederaneignung jugoslawischer Symbole, Rituale und Produkte, die sich auch in medialer Form wiederfinden. Es entstehen Fernsehsendungen, Filme und Popmusikalben, die sich jugoslawischer Narrative bedienen. Mit dem Aufstieg neuer digitaler Medientechnologien zeigen auch die sozialen Medien ihr Potential als Raum für den Ausdruck von Jugonostalgie.

Die Arbeit untersucht, wie Jugonostalgie in den sozialen Medien konstruiert wird. Den theoretischen Rahmen bilden Überlegungen von Maurice Halbwachs sowie Aleida und Jan Assmann zu Formen des Erinnerns, zum individuellen und kollektiven, zum kommunikativen und kulturellen Gedächtnis. Desweiteren werden „connective memory“ (Hoskins), „mediated memories“ (van Dijck) und soziale Medien als aktiv gestaltbare Erinnerungsräume thematisiert und Studien zu postsozialistischer Nostalgie und konkret „Jugonostalgie“ diskutiert.

Im empirischen Teil der Arbeit werden mittels qualitativer Inhaltsanalyse Beiträge auf zwei Social Media Plattformen untersucht, und zwar das Subreddit „r/Yugoslavia“ auf Reddit sowie das Profil „@jugoslavija.sfrj“ auf Instagram. Dafür wurden sämtliche Beiträge aus der Zeitspanne eines Jahres (Zeitraum 2024/2025) herangezogen, um die relevanten Themen im Kontext der Jugonostalgie zu identifizieren und zu analysieren, wie Erinnerungen in sozialen Medien konstruiert und vermittelt werden. Die Ergebnisse zeigen, dass Nutzer:innen beider Plattformen Erinnerungen sowohl auf individueller Ebene (zum Beispiel durch Familienfotos), als auch auf kollektiver Ebene (zum Beispiel durch die Erinnerungen an Feiertage in Jugoslawien) teilen. Dabei wird ein untergegangenes, friedliches, geeintes und politisch stabiles Jugoslawien zum Teil nostalgisch verklärt.

Die Arbeit verdeutlicht das Potenzial der sozialen Medien als Orte der aktiven Erinnerungskonstruktion und Identitätsstiftung. Die Nutzer:innen laden Bilder und Videos hoch, ergänzen sie durch Texte und handeln in „peer-to-peer“-Prozessen unabhängig von offiziellen Erinnerungsangeboten Bedeutung aus. Der nostalgische Blick zurück ermöglicht dabei gerade auch der jüngeren, postjugoslawische Generation, eine gemeinsame, nicht-nationalistische, friedliche Zukunft zu imaginieren.