transfer 30(3) » Rezeptions- und Wirkungsforschung

Gute Nachrichten? Ich überdenke das noch einmal!

Eine experimentelle Befragung zu Overthinking und der Bewertung positiver und negativer Nachrichten

Wie Menschen mit Informationen umgehen, ist individuell sehr verschieden: Während die einen neue Eindrücke zügig gedanklich abschließen, setzen sich andere sehr ausführlich und langanhaltend mit ihren eigenen Gedanken auseinander. Dieses intensive Nachdenken und Abwägen – in der Psychologie als Rumination oder hier als Overthinking bezeichnet – prägt maßgeblich, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Doch wie gehen Personen, die sich so eingehend mit ihren eigenen Gedankengängen auseinandersetzen, mit Medieninhalten um? Führt diese ausgeprägte gedankliche Auseinandersetzung dazu, dass Medieninhalte mit einem geschärften Blick betrachtet und in ihrer Glaubwürdigkeit anders gewichtet werden?

Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Studie experimentell, welchen Einfluss das Ausmaß an individuellem Overthinking auf die wahrgenommene Glaubwürdigkeit von Nachrichtenbeiträgen sowie auf das allgemeine Medienvertrauen ausübt. Zur empirischen Überprüfung wurde eine experimentelle Online-Befragung (N = 283) im Rahmen eines 2 x 3 Between-Subjects-Designs durchgeführt. Den Probanden wurde randomisiert entweder ein positiv oder ein negativ geframter Nachrichtenbeitrag über die Entwicklung eines innovativen, umweltfreundlichen Kunststoffs präsentiert. Der ruminative Denkstil wurde mittels einer adaptierten Version des Ruminative Thought Style Questionnaires erfasst. Die abhängigen Variablen – Nachrichtenglaubwürdigkeit und mediales Vertrauen – wurden über etablierte psychometrische Skalen erhoben und mittels zweifaktorieller Varianz- und Kovarianzanalysen unter Berücksichtigung des Alters als Kovariate ausgewertet.

Die Ergebnisse zeigen weder für die Nachrichtenvalenz noch für das Ausmaß an Overthinking noch für deren Interaktion statistisch signifikante Einflüsse auf die bewertete Nachrichtenglaubwürdigkeit. Hinsichtlich des allgemeinen Medienvertrauens zeigten sich ebenfalls keine signifikanten Unterschiede zwischen den Overthinking-Gruppen, wenngleich das Alter einen kleinen, signifikanten Varianzanteil erklärt. Die Befunde deuten darauf hin, dass die Bewertung der Nachrichtenglaubwürdigkeit im künstlichen Befragungskontext weitgehend unabhängig von individuellen Ruminationsneigungen erfolgt. Abschließend werden Grenzen der methodischen Umsetzung beleuchtet und Perspektiven für weiterführende Untersuchungen zum konstruktiven Journalismus aufgezeigt.