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Der manipulierbare Medusenkopf und der zweifelnde Perseus

Eine theoretische Untersuchung zum Bestand des Realismuskonzepts von Siegfried Kracauer in Anwendung auf den digitalen Film

Siegfried Kracauers Opus Magnum Theorie des Films gilt in der zugehörigen Literatur als einer der letzten ambitionierten Versuche, das Wesen des Mediums zu beschreiben und zählt damit zur kanonisch-klassischen Filmtheorie. Daher kommt kaum ein Werk, das den Topos des filmischen Realismus behandelt, ohne dessen Nennung aus – die Thematisierung beläuft sich dabei jedoch meist auf die elegante Einbettung einiger griffiger Phrasen und wirkt daher wie eine obligatorische Erwähnung. Eine umfassende Diskussion der fortwährend en passant postulierten Gültigkeit dieses Werkes existiert nicht. Diese theoretische Bachelorarbeit widmet sich der Untersuchung dieses Problems und stellt die zeitgemäße Frage, inwiefern Siegfried Kracauers materialästhetisches Realismuskonzept auf den digitalen Film anwendbar ist.

Angesichts der im Kontext des filmischen Realismus maßgeblichen Debatte um die filmische Indexikalität liegt die Wahl eines semiotischen Zugangs nahe: Eine Lesart der Theorie des Films, der sich überraschenderweise nie bedient wurde. Die fruchtbare Re-Lektüre zahlreicher Textstellen erlaubt folglich die Anwendung und Weiterentwicklung des Begriffs der Hyperindexikalität (Mary Ann Doane). Unerlässlich wird infolgedessen eine Analyse der Kracauerschen Konzeption des Rezipienten als filmsemiotisch Interpretierender. Dieser stellt sich als außerordentlich passiv, unbewusst und völlig auf sensorische Resonanz beschränkt heraus.

Nach Erarbeitung dieser begrifflichen Basis wird im zweiten Schritt der Grundriss der Debatte des filmischen Realismus des digitalen Films skizziert. Bestimmend sind hierbei die Kategorien der Manipulierbarkeit und der Dubitativität (Peter Lunenfeld) des digitalen Filmmaterials sowie die somit für einen Realismus erforderliche Aktivität und Skepsis des Zuschauers. Nahezu einhellig wird die Umstellung der Speichertechnologie in der einschlägigen Literatur als epochaler Umbruch interpretiert, der prominente Konzeptionen, etwa jene Rolands Barthes’ (message sans code), hinsichtlich ihres Realismus obsolet werden lässt und eine grundlegend andere filmische Ästhetik erfordert.

Im dritten Schritt werden die beiden vorausgehenden Komplexe (1. Kracauers filmischer Realismus; 2. Realismus des digitalen Films) in Form einer Synthese auf ihre Kompatibilität geprüft. Bereits latente Widersprüche im ursprünglichen Kracauerschen Konzept erweisen sich angesichts der Erfordernisse des digitalen Films als endgültig unvereinbar und führen zu dessen Ablehnung in Bezug auf den digitalen Film. Neben anderen theoretischen wie praktischen Einwänden spielt Kracauers Rezipientenbild, das schlichtweg nicht von der Grundidee des Werkes zu trennen, sondern in diese unlösbar eingeschrieben ist, bei der festgestellten Inkompatibilität eine zentrale Rolle. Lediglich eine der diskutierten theoretischen Perspektiven schränkt diese Ablehnung ein und eröffnet die spekulative Möglichkeit einer Reanimation des Kracauerschen Hauptwerks durch technischen Fortschritt.