transfer 30(3) » Sonstiges

„Trying to find a place in this world“

Eine qualitative Interviewstudie zur Rolle von Taylor Swift in der Identitätsentwicklung jugendlicher Fans

Mit rund 300 Millionen verkauften Tonträgern und einer globalen Fan-Gemeinschaft zählt Taylor Swift zu den einflussreichsten Künstler:innen der gegenwärtigen Popkultur. Ihre autobiografisch geprägten Songtexte greifen Themen wie Liebeskummer, Freundschaft, Selbstzweifel und persönliche Reifeprozesse auf, die eng mit zentralen Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz verbunden sind. Studien deuten darauf hin, dass Taylor Swift durch ihre Musik, öffentliche Selbstdarstellung und Community-Strukturen vielfältige Prozesse emotionaler Selbstreflexion, sozialer Identifikation und kollektiver Sinnstiftung bei ihren Fans anregt. Die bisherige Forschung konzentriert sich jedoch überwiegend auf erwachsene, meist weibliche Fans im anglophonen Raum sowie auf einzelne Teilaspekte der Identitätsentwicklung; jugendliche Perspektiven wurden bislang kaum berücksichtigt.

Ziel dieser Arbeit war es daher, die Rolle Taylor Swifts in der Identitätsentwicklung jugendlicher Fans in Deutschland zu untersuchen und bestehende Forschungslücken hinsichtlich männlicher Perspektiven, der Wahrnehmung von Musik und öffentlicher Persona sowie der Bedeutung sozialer Medien zu adressieren. Hierfür wurden zehn qualitative, themenzentrierte Leitfadeninterviews mit sieben weiblichen und drei männlichen Taylor-Swift-Fans im Alter von 15 bis 17 Jahren geführt. Der nach dem SPSS-Prinzip nach Helfferich (2011) entwickelte Leitfaden erfasst zentrale theoretische Konstrukte der Identitätsentwicklung, digitaler Nähe bzw. parasozialer Beziehungen sowie digitaler Gemeinschaft bzw. des Fandoms. Die Auswertung erfolgte mittels Themenanalyse nach Froschauer und Lueger (2020).

Die Ergebnisse zeigen, dass Swifts Musik für nahezu alle Befragten als emotionale Ressource zur Stimmungsregulation und Katharsis fungiert, insbesondere in einschneidenden Lebenssituationen wie Mobbing, familiären Todesfällen oder sozialer Isolation. Ihre Songtexte regen selbstreflexive Prozesse an, in denen eigene Erfahrungen wiedererkannt, eingeordnet und teilweise neu bewertet werden. Werte, Haltungen und Rollenbilder werden dabei nicht unmittelbar übernommen, sondern von den Jugendlichen mit eigenen Vorstellungen abgeglichen. Musik und öffentliche Persona werden nicht vollständig voneinander getrennt, sondern in unterschiedlicher Ausprägung miteinander verknüpft. Soziale Medien strukturieren den Zugang zu Taylor Swift, erzeugen digitale Nähe und ermöglichen Gemeinschaftserfahrungen im Fandom, die sich teils in den analogen Raum verlagern. Zugleich zeigen die Jugendlichen ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Grenzen parasozialer Beziehungen. Geschlechtsspezifische Unterschiede im Fan-Erleben äußern sich darin, dass insbesondere weibliche Fans Taylor Swift als Bezugsperson oder Vorbild verorten, während bei männlichen Befragten musikalische und moralische Aspekte überwiegen.

Insgesamt verdeutlichen die Befunde die vielschichtige Bedeutung Taylor Swifts im Kontext jugendlicher Identitätsarbeit.