In den USA entwickelt sich die Wirtschaft im Dezember 2023 unter der Regierung Biden hervorragend: Die Inflation und Arbeitslosigkeit sinkt, die Wirtschaft wächst und die Löhne steigen. Dennoch beurteilen drei Viertel der US-Amerikaner die Wirtschaftslage als schlecht und fast 60 Prozent der Befragten trauen dem damaligen Ex-Präsidenten Trump mehr Wirtschaftskompetenz zu als Biden, obwohl sie während Trumps erster Amtszeit eine der schwersten Wirtschaftskrisen in den USA erlitten hatten. Für klassische Economic Voting-Theorien ist dieser Befund ein Rätsel.
Da objektive Leistungsindikatoren eines Systems die Leistungsbewertung der Bürger wie oben beschrieben nicht immer hinreichend erklären können, fragt diese Arbeit, ob Mediennutzung, Medieneinstellungen und -wahrnehmungen sowie Mediensysteme die Systemzufriedenheit beeinflussen. Diese Arbeit verbindet dafür Politikwissenschaft und politische Kommunikationsforschung und bereichert beide Forschungsgebiete, indem sie ein Modell der medienvermittelten Systemzufriedenheit aus der interdisziplinären Literatur destilliert. Sie stützt sich dabei auf eine modifizierte Version der Media Malaise Theory und die Erkenntnisse von Marcus Maurer zu den kurzfristigen und langfristigen Einflüssen der Politikdarstellung der Massenmedien auf die Rezipientenurteile über Politik.
Um den Zusammenhang zwischen Mediennutzung, Medienwahrnehmung und Mediensystem und der Systemzufriedenheit zu testen, nutzt diese Arbeit Querschnittsdaten der siebten Welle (endgültige Version 6.0) des World Values Survey, für die 97.220 Personen in 66 Ländern und Regionen vom 01.01.2017 bis 01.07.2023 in der jeweiligen Landessprache quantitativ befragt wurden. Die finale Stichprobe umfasst 88.022 Fälle (52,5% weiblich; 57,9% der Befragten erreichen keine höhere formale Bildung als die obere Sekundarstufe; Alter: M = 42,87 Jahre; SD = 16,37) aus 59 Ländern und Regionen. Im Mittel wurden pro Land 1.492 Personen (SD = 591,85) befragt.
Mittels Mehrebenenmodellierung zeigt die Arbeit, dass Personen, die sich häufig über Social Media informieren und traditionelle Medien als verzerrt wahrnehmen, mit dem politischen System wesentlich unzufriedener sind. Für die Nutzung traditioneller Medien wird ein entgegengesetzter Effekt gefunden. Gleichzeitig scheint die Medienfreiheit den negativen Einfluss der Nutzungshäufigkeit von Massenmedien auf die Zufriedenheit mit dem politischen System zu verringern.
Die Arbeit erklärt diese Befunde theoriegeleitet u.a. mit der stärkeren politischen Kontrolle traditioneller Medien in unfreien Systemen und der Verbreitung von inziviler Kommunikation auf Social Media. Politische Kommunikation findet hier oft nicht konstruktiv statt. Die unzensierten Social Media dürfen somit in bestimmten Fällen als Motor der Demokratisierung verstanden werden, auch wenn deren geringe Kontrolle in freien Systemen das Systemvertrauen ebenfalls erodiert.
Diese Studie zeigt empirisch deutlich, dass Medienwirkungen für die Erklärung der Systemzufriedenheit herangezogen werden müssen. Dabei gelten die Ergebnisse über den westlichen Kontext hinaus.