Die Social-Media-Nutzung beansprucht oft unbeabsichtigt viel Zeit und steht im Konflikt mit Nutzungsintentionen und alltäglichen Verantwortungen. Vor diesem Hintergrund thematisieren kommunikationswissenschaftliche Studien wie journalistische Beiträge zunehmend eine vermeintliche Social-Media-Sucht. Dabei liegt insbesondere das extensive Infinite Scrolling im Fokus, welches Nutzer*innen oft nur schwer unterbrechen oder beenden können, obgleich sie es als negativ empfinden. Bisher liegt jedoch keine offizielle Diagnose einer Social-Media-Sucht vor.
Ziel der Studie ist daher, das Verweilen beim Infinite Scrolling differenzierter als habitualisiertes Nutzungsverhalten zu analysieren. Die Arbeit soll aufzeigen, a) inwiefern es sich um eine Nutzungsgewohnheit handelt und wie diese b) mit Prozessen der Emotions- und Selbstregulation sowie c) mit dem Plattformdesign korreliert.
Methodisch basiert die Studie auf einer umfassenden Literaturrecherche, die den theoretischen und empirischen Forschungsstand zusammenfasst und salutogenetisch interpretiert. Eine Erweiterung des AMUSE-Modells von Reinecke und Meier (2021) setzt die untersuchten Variablen in Bezug zueinander und illustriert, wie sich ihre Wechselwirkungen über das Unterhaltungserleben indirekt auf das Scrolling-Verhalten auswirken können.
Die in fünf Thesen zusammengefasste Literaturrecherche zeigt, dass die Selektion sozialer Medien und das Infinite Scrolling stark habitualisiert erfolgen. Diese Automatismen sowie das unbeabsichtigte Verweilen werden durch eine verringerte situative Selbstkontrolle und durch diverse Plattformfaktoren begünstigt, wobei die Nutzungszufriedenheit das Verhalten mit steigendem Gewohnheitsgrad weniger beeinflusst. Auf dieser Basis formuliert die Studie überdies zwei hypothetische Annahmen. Ersten empirischen Hinweisen zufolge sind Nutzer*innen besonders empfänglich für extensives Infinite Scrolling, wenn die sozialen Medien der habitualisierten Regulation aversiver Empfindungen dienen. Weiter wird angenommen, dass das unbeabsichtigte Verweilen auch die Emotionsregulation beeinträchtigen kann. Kurzfristig erhöhte sich dadurch paradoxerweise die susceptibility für das weitere Scrollen, langfristig könnten dysfunktionale habitualisierte Muster im Sinne des klassischen Mood Managements und vermeidende Coping-Strategien entstehen.
Die Arbeit hinterfragt die Pathologisierung der Social-Media-Nutzung, welche in den meisten Fällen eher einer dysfunktionalen Gewohnheit und weniger einer Sucht entsprechen dürfte. Zugleich gilt es, das Phänomen des Infinite Scrollings dezidiert im Kontext der habitualisierten Emotionsregulation zu untersuchen, da diese dazu beitragen könnte, suchtartige Züge der Social-Media-Nutzung zu erklären und habitualisierte Muster von einer etwaigen zwanghaften Nutzung abzugrenzen. Interventionen könnten sich folglich auch auf die Verbesserung der Medienkompetenz und die bewusste Emotionsregulation der Nutzer*innen konzentrieren, um eine funktionale und zufriedenstellende Nutzung sozialer Medien zu fördern.