Die Digitalisierung sowie die Mediatisierung haben über die Jahrzehnte hinweg an Bedeutung gewonnen. Die Nutzung digitaler Medien kann zu einer psychischen Überlastung führen, die sich als digitaler Stress manifestiert. Gleichzeitig sind moderne Online-Phänomene entstanden. Eines davon ist Ghosting, der digitale Kontaktabbruch. Beide stellen Risiken für das mentale Wohlbefinden dar. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu untersuchen, inwiefern diese beiden Dynamiken miteinander zusammenhängen, mit folgender explorativer Forschungsfrage: Beeinflusst digitaler Stress das Ghosting-Verhalten unter Freunden und das Verständnis dafür? Bislang wurde Ghosting vor allem im Kontext romantischer Beziehungen und des Datings untersucht und häufig als Ausdruck eines bestehenden Beziehungskonflikts verstanden. Vor diesem Hintergrund wurde der Fokus auf Ghosting in Freundschaften sowie auf individuelle Merkmale der digitalen Mediennutzung als mögliche Prädiktoren gelegt.
Für die Untersuchung wurde eine quantitative Befragung durchgeführt und anschließend wurde versucht, durch zwei Regressionsmodelle den Einfluss der fünf Komponenten von digitalem Stress (Availability Stress, Approval Anxiety, Fear of Missing Out, Connection Overload und Online Vigilance) auf die Ghostingneigung und das -verständnis zu untersuchen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Ghosting in Freundschaften ein durchaus verbreitetes Phänomen ist und von Personen mit eigenen Ghostingerfahrungen tendenziell verständnisvoller bewertet wird. Zudem deutet sich an, dass Ghosting in Freundschaften durch wiederholte Erfahrungen normalisiert wird und sich als gegenseitig begünstigendes Verhaltensmuster etablieren kann. Hinsichtlich des digitalen Stresses zeigte sich, dass nur die beiden technischen Stressfaktoren Connection Overload und Online Vigilance in Bezug auf Ghosting relevant sind: Während eine stärkere wahrgenommene digitale Überforderung mit einer höheren Neigung zum Ghosting und mehr Verständnis für Ghosting einhergeht, steht eine erhöhte Aufmerksamkeit für das Online-Geschehen mit einer geringeren Ghostingneigung in Zusammenhang. Insgesamt erweist sich digitaler Stress als Gesamtkonstrukt nicht als entscheidender Einflussfaktor, sondern scheint insbesondere bei temporärem Ghosting eine eher situative Rolle einzunehmen.