Die Studie untersucht, welche typischen Identitäten von Gastarbeiternachkommen der Generation Z sich in den sozialen Medien rekonstruieren lassen. Während die bisherige Migrationsforschung die Identitätsbildung nachfolgender Gastarbeitergenerationen vor allem im Kontext von Integrationsfragen, sozialen Strukturen und traditionellen Medien analysiert, bleibt die Perspektive der dritten Generation, deren kulturelle Selbstverortung sich zunehmend in digitalen Räumen vollzieht, weitgehend unerforscht. An dieser Lücke setzt die vorliegende Arbeit an. Theoretisch verbindet sie zwei Zugänge. Der symbolische Interaktionismus (Blumer, 1969; Mead, 1972) rahmt soziale Medien als Interaktionsraum, in dem Bedeutungen ausgehandelt, Rollen erprobt und Erwartungen reflektiert werden. Die Kultivierungshypothese (Gerbner & Gross, 1976) ergänzt die Frage, inwiefern die wiederholte Zuwendung zu kulturell geprägten Inhalten Herkunfts- und Zugehörigkeitswahrnehmungen langfristig stabilisiert. Identität wird nicht als feststehend, sondern als fortlaufender Prozess verstanden, in dem die eigene Wahrnehmung und kulturelle Prägungen miteinander verknüpft sind.
Methodisch basiert die Untersuchung auf acht halbstandardisierten Leitfadeninterviews mit Angehörigen der Generation Z, deren Großeltern zwischen 1955 und 1973 als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Die Fallauswahl erfolgte als Selective Sampling. Als Vergleichsdimensionen dienten Geschlecht und Herkunftsland (Türkei, ehemaliges Jugoslawien, Griechenland, Italien, Portugal). Die Auswertung folgte der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2019) mit deduktiv-induktiv verfeinertem Kategoriensystem; die Verdichtung zu Idealtypen orientiert sich an Weber (1988) und Scheufele et al. (2019).
Identifiziert wurden fünf Typen: der Kulinariker, der angepasste Multikulturelle, der Fußball-Patriot, der Hüter der Heimatwerte und der polit-nostalgische Nationalist. Gemeinsam ist ihnen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, das jedoch auf unterschiedliche Weise medial verhandelt wird. Während hybride Typen soziale Medien zur Aushandlung zwischen Herkunfts- und Mehrheitskultur nutzen, dienen sie den abgrenzungsorientierten Typen der Bestätigung einer bereits geschlossenen Identität. Digitale Räume fördern demnach nicht per se Hybridisierung, sondern verstärken je nach Nutzungsweise auch kulturelle Abgrenzung.