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K-Drama Faszination in Deutschland – Motivationen, Bedürfnisse und die Rolle kultureller Nähe

Südkoreanische Serien, sogenannte K-Dramen, haben sich in den letzten Jahren weltweit als eigenständiges Medienphänomen etabliert. Auch in Deutschland erfreuen sie sich wachsender Beliebtheit, eine Entwicklung, die bisher kaum wissenschaftlich untersucht wurde. Diese Arbeit geht der Frage nach, warum deutsche Zuschauer*innen K-Dramen konsumieren, und untersucht dabei insbesondere, welche Rolle kulturelle Nähe im Rezeptionsprozess spielt. Theoretisch stützt sich die Analyse auf die Uses and Gratifications Theorie sowie auf das Konzept der Cultural Proximity, das durch transnationale Perspektiven ergänzt wird.

Die empirische Grundlage bilden sieben qualitative Leitfadeninterviews mit Rezipient*innen im Alter von 21 bis 54 Jahren. Ziel war es, individuelle Beweggründe, Bedürfnisse sowie Wahrnehmungen kultureller Differenz und Ähnlichkeit herauszuarbeiten. Die Auswertung erfolgte mittels inhaltlich strukturierender Inhaltsanalyse.

Die Ergebnisse zeigen, dass emotionale Tiefe, romantische Erzählweisen, visuelle Ästhetik und Eskapismus zentrale Motive für den Konsum sind. K-Dramen werden nicht nur als unterhaltend empfunden, sondern auch als Möglichkeit, sich mit einer anderen Kultur auseinanderzusetzen oder emotionale Erfahrungen zu verarbeiten. Viele der Befragten berichten von einem stärkeren Eintauchen in die Handlung und einer intensiveren emotionalen Bindung im Vergleich zu westlichen Serien. Zugleich wird K-Dramen eine gewisse „Andersartigkeit“ zugeschrieben, die Neugier weckt und als bereichernd erlebt wird.

Kulturelle Nähe wird ambivalent bewertet: Aspekte wie Höflichkeit und Familienorientierung erscheinen vertraut oder werden idealisiert, während patriarchale Strukturen kritisch reflektiert werden. Die Studie zeigt, dass kulturelle Distanz nicht zwingend ein Rezeptionshindernis darstellt, sondern Teil der Faszination sein kann. Jedoch fühlen sich viele Rezipient*innen gerade durch Erzählmotive angesprochen, die sich nicht eindeutig einer bestimmten Kultur zuordnen lassen, sondern universelle Themen wie Freundschaft, Verlust oder Selbstfindung berühren. Diese transkulturellen Elemente ergänzen das Konzept der Cultural Proximity und ermöglichen emotionale Anschlussfähigkeit, auch ohne tiefgehende Kenntnisse der koreanischen Gesellschaft. Die Studie plädiert daher für ein dynamisches Verständnis von Cultural Proximity, das transkulturelle Verbindungen ebenso berücksichtigt wie Unterschiede. Die Ergebnisse liefern neue Impulse für die Forschung zur globalen Mediennutzung und zur Popularität koreanischer Inhalte außerhalb Asiens.