Die westliche China-Berichterstattung steht seit Jahren im Spannungsfeld geopolitischer Rivalitäten und kultureller Differenzzuschreibungen. Während politische und wirtschaftliche Aspekte intensiv untersucht wurden, bleibt die geschlechtsspezifische Dimension weitgehend vernachlässigt.
Vor diesem Hintergrund befasst sich die vorliegende Arbeit mit der Repräsentation chinesischer Frauen im Nachrichtenmagazin Der SPIEGEL im Zeitraum von 2015 bis 2024. Im Zentrum steht die Frage, wie chinesische Frauen sichtbar gemacht, thematisch eingeordnet und diskursiv gerahmt werden und in welchem Ausmaß sich dabei Prozesse der Stereotypisierung und Marginalisierung zeigen.
Theoretisch verbindet die Arbeit Ansätze der Geschlechter- und Repräsentationsforschung mit einer diskurstheoretischen Perspektive auf die symbolische Konstruktion kultureller Differenz. Marginalisierung wird als strukturelle Einschränkung der Sichtbarkeit interpretiert, während Stereotypisierung als wiederholte Typisierung innerhalb symbolischer Deutungsordnungen verstanden wird.
Methodisch folgt die Studie einem Mixed-Methods-Design auf Grundlage einer Vollerhebung aller 521 SPIEGEL-Printausgaben (2015–2024). Von insgesamt 703 China-bezogenen Artikeln werden zwei Stichproben gebildet: 80 Beiträge mit explizitem Bezug auf chinesische Frauen sowie 623 Beiträge ohne Frauenbezug. Die quantitative Inhaltsanalyse wird statistisch ausgewertet und durch eine qualitative Frame-Analyse sowie symbolisch-interaktionistische Rekonstruktionen ergänzt.
In den Ergebnissen ist erstens eine stabile, aber randständige Sichtbarkeit chinesischer Frauen in der China-Berichterstattung zu erkennen. Ihr Anteil bleibt während des gesamten Untersuchungszeitraums gering und beschränkt sich auf spezifische thematische Kontexte. Zweitens zeigt die Themenverteilung deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede: Während Politik und Wirtschaft die allgemeine China-Agenda dominieren, erscheinen Frauen überproportional in gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten. Drittens variiert die emotionale Tendenz je nach Themenbereich; insbesondere in politischen und sozialen Zusammenhängen kommen problemzentrierte Darstellungen häufiger vor. Viertens lassen sich wiederkehrende Deutungsrahmen rekonstruieren, in denen chinesische Frauen als Projektionsflächen für kulturelle Konflikte, normative Ordnungsfragen oder politische Symbolik dienen.
Insgesamt argumentiert die Arbeit, dass die mediale Darstellung chinesischer Frauen im SPIEGEL weder rein marginal noch rein stereotyp ist, sondern durch eine strukturelle Verknüpfung beider Mechanismen geprägt wird. Sichtbarkeit entsteht selektiv und ist thematisch begrenzt, während zugleich symbolische Typisierungen reproduziert werden. Die Studie leistet damit einen Beitrag zur geschlechterbezogenen Analyse westlicher Auslandsberichterstattung und verdeutlicht, dass Gender als analytische Kategorie entscheidend ist, um die diskursiven Macht- und Bedeutungsstrukturen in der medialen Konstruktion Chinas differenziert zu verstehen.