transfer 29(4) » Journalismus

Zwischen Standortentscheidungen und entscheidenden Standorten

Deutsche Berichterstattung aus Westasien und Nordafrika

Die Auslandsberichterstattung deutscher Medien weist einen ungleichen Blick auf die Welt auf. Wie oft und wie über bestimmte Länder und Regionen berichtet wird, ist sehr unterschiedlich. In diesem Artikel wird der Zusammenhang zwischen den Standorten der Auslandskorrespondent:innen deutscher Medien und dem Fokus der Auslandsberichterstattung exemplarisch in der Region Westasien und Nordafrika (WANA) untersucht. Die Untersuchung basiert auf der Nachrichtenwerttheorie von Schulz (1976), basierend auf den Nachrichtenfaktoren nach Galtung und Ruge (1965). Grundlage bieten außerdem Untersuchungen zur Nachrichtengeographie und zur politischen Dimension der Auslandsberichterstattung von insbesondere Hafez (2002) und Engelhardt (2022). Bisherige Forschung hat die Auslandsberichterstattung und Auslandskorrespondent:innen meist über Berufsfeldanalysen, Inhaltsanalysen oder spezifische regionale Untersuchungen untersucht. Bisher fehlte eine aktuelle systematische Erhebung der Standortverteilung deutscher Korrespondent:innen und deren Zusammenhang mit der inhaltlichen Abdeckung der WANA-Region. Es muss beachtet werden, dass nicht nur Nachrichtenfaktoren, sondern auch strukturelle, logistische und sicherheitspolitische Rahmenbedingungen die Standortwahl prägen.

Methodisch folgt die Studie einem zweistufigen Design. Zunächst wurde ein Mapping aller hauptberuflich tätigen, langfristig in der WANA-Region stationierten Korrespondent:innen deutscher Leitmedien durchgeführt. Grundlage waren Desk Research, Anfragen bei Botschaften und Medienhäusern sowie öffentlich zugängliche Quellen. Insgesamt konnten 39 Korrespondent:innen identifiziert werden. In einem zweiten Schritt wurde die Berichterstattung dreier ausgewählter Korrespondent:innen qualitativ-explorativ untersucht. Analysiert wurden sämtliche Beiträge dieser Journalist:innen in einem zweimonatigen Untersuchungszeitraum (Juni 2023 und 2024). Dabei wurde erfasst, aus welchen Ländern berichtet wurde und wie sich die Themen zu den Nachrichtenfaktorendimensionen nach Schulz (1976) verhalten.

Die Ergebnisse zeigen eine ungleiche Verteilung: Israel, Ägypten und Libanon sind überproportional besetzt. Die Nachrichtenfaktoren erklären, warum Journalist:innen vor allem in diesen Ländern präsent sind. Sie können aber nicht vollständig erklären, warum Korrespondent:innen in manchen Ländern nicht sind, obwohl sie relevant sein sollten. Die exemplarische Inhaltsanalyse verdeutlicht, dass die Standortwahl die Themenvielfalt und geografische Abdeckung erheblich einschränkt: Korrespondent:innen berichten überwiegend aus ihren Wohnländern, Ausnahmen bleiben selten.