Die qualitative Arbeit untersucht, wie Rezipierende unterschiedliche mediale Informationsangebote zur postmortalen Organspende in Deutschland wahrnehmen, deuten und sich mit diesen auseinandersetzen. Im Zentrum steht die Forschungsfrage: Wie gestalten sich Wahrnehmung, Deutung und Auseinandersetzung von Rezipierenden mit unterschiedlichen medialen Informationsangeboten zur postmortalen Organspende in Deutschland? Die leitende Fragestellung wird durch vier spezifische Forschungsfragen konkretisiert, die sich auf die Wahrnehmung und Verarbeitung der Informationen, den Einfluss individueller Voreinstellungen, die Wirkung unterschiedlicher Darstellungsformen sowie die Auseinandersetzung mit der Widerspruchslösung beziehen.
Die Relevanz der Untersuchung ergibt sich sowohl aus der anhaltenden gesellschaftlichen und politischen Bedeutung der Organspende als auch aus einer bestehenden Forschungslücke. Während Einstellungen, Entscheidungsbarrieren und rechtliche Rahmenbedingungen bereits umfassend untersucht wurden, ist bislang unzureichend erforscht, wie Kommunikationsangebote zur Organspende tatsächlich wahrgenommen und verarbeitet werden. Insbesondere im deutschen Kontext fehlt es an Erkenntnissen zur Wahrnehmung unterschiedlicher medialer Darstellungsformen. Die Untersuchung setzt an dieser Forschungslücke an und leistet damit einen Beitrag zur kommunikationswissenschaftlichen Betrachtung der Organspende.
Zur Untersuchung wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt. Die empirische Grundlage bilden zwölf leitfadengestützte Interviews mit Rezipierenden, die jeweils mit einem von drei unterschiedlichen Stimuli konfrontiert wurden: einem Comic, einer narrativen Darstellung oder einem sachlich-neutralen Informationstext. Zur Erfassung der unmittelbaren Auseinandersetzung mit den Informationsangeboten wurde die Think-Aloud-Methode eingesetzt. Die erhobenen Daten wurden anschließend mittels einer inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse ausgewertet und mit MAXQDA systematisch codiert. Das Forschungsdesign ermöglicht es, individuelle Wahrnehmungs-, Deutungs- und Verarbeitungsprozesse differenziert nachzuvollziehen und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zwischen den Darstellungsformen herauszuarbeiten.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Verarbeitung von Informationen zur Organspende nicht linear, sondern als subjektiv-dynamischer Prozess erfolgt, in dem kognitive und emotionale Aspekte eng miteinander verbunden sind. Auch sachlich-informative Inhalte können emotionale Reaktionen und persönliche Reflexionsprozesse auslösen und wirken somit nicht ausschließlich über kognitive Verarbeitungswege. Gleichzeitig prägen individuelle Voreinstellungen maßgeblich die Art und Tiefe der Auseinandersetzung. Die unterschiedlichen Darstellungsformen eröffnen dabei jeweils spezifische Zugänge zur Thematik. Zudem zeigt sich die Bedeutung unterschiedlicher Health-Literacy-Niveaus für die Verarbeitung und Einordnung der Informationen. Insgesamt verdeutlichen die Befunde die Notwendigkeit multidimensionaler, transparenter und zielgruppensensibler Kommunikationsstrategien, die rationale und affektive Zugänge verbinden und neben der Wissensvermittlung auch Reflexion und Selbstwirksamkeit fördern.