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Social Media und Wellbeing in Krisenzeiten

Zwischen Doomscrolling und Hoffnungssuche

In Zeiten globaler Krisen wie Kriegen und dem Klimawandel nimmt Social Media vor allem für junge Erwachsene eine zentrale Rolle als Informationsquelle ein. Daher untersucht die vorliegende Studie mithilfe von qualitativen halbstandardisierten Leitfadeninterviews (n=12), wie sich die Nutzung von Social-Media-Nachrichten zu Krieg und Klimakrise auf das Wohlbefinden junger Erwachsener (19-29 Jahre) auswirkt.

Theoretisch stützt sich die Arbeit auf den Uses-and-Gratifications-Ansatz (UGA) nach Katz et al. (1973), das Konzept des Wellbeings, die gegensätzlichen Phänomene des Doomscrollings und Hopescrollings sowie auf Coping als Bestandteil der transaktionalen Stresstheorie nach Lazarus & Folkman (1987). Auf dieser Grundlage wird untersucht, wie junge Erwachsene soziale Medien im Kontext von Nachrichten nutzen, aus welchen Motiven heraus sie dies tun, welche Auswirkungen diese Nutzung auf ihr Wellbeing hat und wie sie mit potenziell negativen Effekten umgehen.

Durch die Analyse der Interviews anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) können insgesamt fünf zentrale Nutzungsstrategien im Umgang mit Kriegs- und Klimawandelnachrichten identifiziert werden, wobei (1) Doomscrolling am häufigsten genannt wurde, gefolgt von einem (2) bewussten Ausgleich zwischen positiven und negativen Nachrichteninhalten, einem (3) vermeidenden Scrollverhalten, einer (4) gezielten Beeinflussung des Algorithmus und einer am seltensten durchgeführten (5) Hoffnungssuche. Die zugrunde liegenden Nutzungsmotive lassen sich überwiegend kognitiven (Informationsbedürfnis, Neugier, Themeninteresse, wahrgenommene Informationspflicht) sowie affektiven Bedürfnissen (Emotionsregulation, Bedürfnis nach Hoffnung, Bedürfnis nach emotionalem Gleichgewicht) zuordnen. Neben positiven (positive Emotionen und Stimmungen) und neutralen Wellbeing-Effekten (Abgestumpftheit, Neutralität) dominieren deutlich negative Auswirkungen der Nachrichtennutzung zu Kriegs- oder Klimawandelthemen auf das Wohlbefinden (negative Emotionen und Stimmungen, Macht- und Hilflosigkeit, Zukunftsängste). Insbesondere Doomscrolling führt zu einer emotionalen Belastung. Zudem zeigt sich ein hybrider Charakter der identifizierten Nutzungsstrategien, da die diese gleichzeitig eine Coping-Funktion aufweisen. Zusätzlich werden Coping-Strategien wie eine Einschränkung des Social-Media-Konsums, eine Nutzung humorvoller Medieninhalte, soziale Gespräche sowie einer Ablenkung durch Hobbys im Umgang mit Kriegs- und Klimawandelnachrichten angewendet.

Die Ergebnisse liefern Implikationen für die Mediennutzungs- und Wirkungsforschung sowie für Nachrichtenanbieter in den sozialen Medien.