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Schlagabtausch zur Primetime: Strategien und Rhetorik in den TV-Kanzler-Debatten zur Bundestagswahl 2025

Die Arbeit untersucht die verbale Kommunikation der vier Kanzlerkandidaten Olaf Scholz, Friedrich Merz, Robert Habeck und Alice Weidel in den TV-Kanzler-Debatten zur Bundestagswahl 2025. Die Wahl fand in einer außergewöhnlichen politischen Konstellation statt: Erstmals traten vier Parteien mit einem eigenen Kanzlerkandidaten an, darunter mit der AfD eine Partei, die zum Zeitpunkt der Wahl unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stand. Gleichzeitig wurde der Wahlkampf von politischen Beobachtern als besonders aufgeheizt und konfliktbeladen charakterisiert.

Theoretisch ist die Arbeit im Forschungsfeld der Wahlkampfkommunikation verankert und stützt sich auf William L. Benoits (2014) Strategiemodell der Theory of Political Campaign Discourse, das zwischen Selbstpräsentation, Angriff und Verteidigung unterscheidet. Ergänzend fließen etablierte Kategorien zur Analyse politischer Rhetorik in TV-Kanzler-Debatten ein, etwa die Unterscheidung von emotionaler und sachlicher Rhetorik sowie Formen populistischer Kommunikation. Methodisch wurde eine standardisierte Inhaltsanalyse durchgeführt. Die „Quadrell“-Sendung wurde vollständig transkribiert, in 1026 Codiereinheiten segmentiert und entlang eines theoriegeleiteten Kategoriensystems codiert.

Die Ergebnisse zeigen, dass zentrale Gesetzmäßigkeiten früherer Debatten auch im Vierer-Panel bestehen bleiben. Selbstpräsentationen dominieren weiterhin das kommunikative Geschehen und werden wie erwartet insbesondere von Amtsinhaber Olaf Scholz eingesetzt. Gleichzeitig agiert Friedrich Merz als klassischer Herausforderer mit einem hohen Angriffsanteil. Deutlich vom bisherigen Forschungsstand abweichend zeigt sich die Teilnahme von AfD-Kandidatin Alice Weidel. Sie erzielt den höchsten jemals in einer TV-Kanzler-Debatte gemessenen Anteil an Angriffen und trägt in erheblichem Maße zu einer Personalisierung bei – sowohl durch ihre eigene Rhetorik als auch durch die Reaktionen der übrigen Kandidaten. Ihre Beiträge sind zudem besonders häufig populistisch geprägt, allen voran in Form von anti-elitärem Populismus; und sie arbeitet auffallend oft mit negativen Appellen. Grünen-Kandidat Robert Habeck argumentiert am emotionalsten aller Kandidaten, dabei allerdings vorrangig hinsichtlich positiver Werthaltungen. Schließlich lässt sich die Annahme eines besonders aufgeheizten Wahlkampfstils wissenschaftlich nicht bestätigen: Weder eine generelle Zunahme emotionaler Rhetorik noch ein signifikanter Anstieg populistischer Kommunikation oder des Angriffsniveaus über alle Kandidaten hinweg ist nachweisbar.