Politiker und Journalisten haben unterschiedliche Aufgaben. Während Politiker Nachrichtenanlässe schaffen, verbreiten Journalisten Informationen. Damit sie ihre jeweilige Funktion in der Gesellschaft erfüllen können, brauchen sie sich gegenseitig. Es liegt bisher noch keine Studie zu der Frage vor, wie beide Seiten die landespolitische Berichterstattung in Baden-Württemberg wahrnehmen. Im Mittelpunkt der Arbeit steht daher die folgende Forschungsfrage: Wie nehmen Journalisten und Politiker der Landespolitik in Baden-Württemberg wechselseitig die politische Berichterstattung wahr – und wo sehen beide Akteure mögliche Spannungen in ihrem Verhältnis?
Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurden leitfadengestützte Interviews mit fünf Politikern und fünf Journalisten durchgeführt. Unter den Politikern waren zwei Fraktionsvorsitzende, zwei stellvertretende Fraktionsvorsitzende und ein Pressesprecher. Alle fünf Parteien, die im 17. Landtag von Baden-Württemberg vertreten waren, wurden somit abgebildet. Die befragten Journalisten arbeiteten zum Zeitpunkt der Erhebung für die Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten, den Staatsanzeiger, den Südkurier, die Schwäbische Zeitung und den SWR. Die Interviews wurden transkribiert und im Anschluss mit der Software MAXQDA qualitativ und induktiv ausgewertet.
Die Ergebnisse der Analyse zeigen, dass die landespolitische Berichterstattung von Politikern und Journalisten unterschiedlich wahrgenommen wird. Aus Sicht der Politiker kommt Landespolitik in der Berichterstattung oft zu kurz. Wenn es um landespolitische Themen geht, liegt der Fokus aus ihrer Sicht zu stark auf Personen und weniger auf inhaltlichen Aspekten der Landespolitik. Die Politiker bemängeln, dass sich die landespolitische Berichterstattung mittlerweile auch stark an Klickzahlen orientiert. Es wird außerdem kritisiert, dass der Fokus oft auf der Exekutive liegt. Die Politiker wünschen sich eine grundsätzlich kritischere und vielfältigere Berichterstattung. Journalisten stehen indes vor der Herausforderung, landespolitische Themen attraktiv an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie erwarten von den Politikern ein authentisches Auftreten. Zudem kritisieren sie, dass sich die Pressestellen mittlerweile oft erst absichern wollen, bevor sie eine Information weitergeben. Das erschwert die Berichterstattung, die von Schnelligkeit und Exklusivität geprägt ist. Die Veränderung der Medienlandschaft in Baden-Württemberg und die damit einhergehende Zeitungskonzentration werden von beiden Seiten mit Unbehagen betrachtet. Auch die Veränderungen der öffentlichen Kommunikation durch die Sozialen Netzwerke sind in ihrer Arbeit spürbar.