Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) stellen ein erhebliches Risiko für Umwelt und öffentliche Gesundheit dar, bleiben jedoch in zahlreichen industriellen Produktionsprozessen fest verankert. Nachdem die Europäische Union (EU) 2023 den Entwurf eines weitreichenden PFAS-Verbots vorgelegt hatte, wurde das Thema intensiv und vielfältig lobbyiert. Auf Grundlage der Datenbank des Forever Lobbying Projects, die entsprechende Lobbying-Aktivitäten öffentlich zugänglich macht, untersucht diese Studie, wie sich Lobbying-Ansätze in der PFAS-Debatte unter unterschiedlichen strategischen Bedingungen unterscheiden. Theoretisch verbindet sie Argumentationsstrategien als Instrument politischer Einflussnahme mit weiteren strategischen Lobbying-Faktoren.
Analysiert werden dabei Argumentationsmuster im Zusammenhang mit Lobbying-Zielen (offensiv vs. defensiv), Lobbying-Modi (kollektives vs. Loophole-Lobbying), zeitlichen Dynamiken, populistischen Tendenzen und beteiligten Akteurstypen mithilfe einer LLM-gestützten quantitativen Inhaltsanalyse. Hierbei wurde das open-source OpenAI Modell “gpt-oss-120b” verwendet. Für die Analyse wurden 28.405 Argumente aus 2.716 Dokumenten von 928 Akteuren identifiziert. Die Dokumente umfassen den Zeitraum von 1959 bis 2024, konzentrieren sich jedoch stark auf das Jahr 2023, in dem das PFAS-Verbot eingereicht und die öffentliche Konsultation der ECHA durchgeführt wurde.
Die Ergebnisse zeigen, dass Argumentationsmuster systematisch mit strategischen Bedingungen zusammenhängen. Offensive Lobbying-Ziele, die weitreichende regulatorische Änderungen anstreben, nutzen häufiger positive und normative Argumente wie Fairness und Moral. Defensive Ziele, die auf geringe regulatorische Änderungen ausgerichtet sind, stützen sich dagegen stärker auf negative, expertisebasierte Argumente zu Umsetzbarkeit und Kosten. Akteure, die spezifische Ausnahmen anstreben (Loophole-Lobbyisten), verwenden ein breiteres Repertoire an Argumentationsstrategien als Lobbyisten, die kollektives Vorgehen betonen. Im Zeitverlauf verschiebt sich die Argumentation von normativen Bezügen hin zu technischer Expertise. Dieser Effekt verschwindet jedoch, sobald Lobbying-Ziele und Lobbying-Modus berücksichtigt werden. Populistische Rhetorik bleibt insgesamt selten und wird nicht überproportional von Wirtschaftsakteuren eingesetzt; sie tritt jedoch in späteren Phasen sowie bei defensiven Lobbying-Zielen etwas häufiger auf.
Insgesamt ist PFAS-Lobbying in der EU durch technische und expertiseorientierte Argumentation geprägt. Begünstigt wird dies durch die technische Komplexität des Themas sowie die starke Mobilisierung von Unternehmen mit defensiven Lobbying-Zielen um 2023, vermutlich ausgelöst durch wirtschaftliche Risiken des vorgeschlagenen PFAS-Verbots. Methodisch verdeutlicht die Studie das Potenzial LLM-gestützter Workflows für die quantitative Inhaltsanalyse großer und heterogener Datensätze. Künftige Forschung sollte den Ansatz auf weitere Regulierungsfelder übertragen, die Datenaufbereitung weiter verbessern und Beziehungen zwischen Akteuren stärker berücksichtigen.