Die Entlassung des Finanzministers Christian Lindner im November 2024 und die daraus resultierende Auflösung der Ampelregierung aus SPD, FDP und den Grünen markierte eine politische Erschütterung. Die Regierungsauflösung stellte eine Krise dar – auch kommunikativ. In solchen Krisensituationen müssen Politiker*innen und Parteien in kürzester Zeit reagieren, um die Wahrnehmung der Situation zu bestimmen und ihren Ruf zu wahren. Dafür wenden sie verschiedene Kommunikationsmittel an, die es zu untersuchen lohnt, da auch Bürger*innen davon maßgeblich beeinflusst werden. Im Mittelpunkt der Arbeit steht daher folgende Frage: Wie kommunizieren Olaf Scholz, Christian Lindner, und Vertreter*innen der Grünen im Rahmen der Auflösung der Ampelregierung 2024? Die Forschungsfrage wird mit den folgenden Unter-Forschungsfragen konkretisiert:
- Welche Strategien der Krisenkommunikation verwenden die Politiker*innen?
- Inwiefern halten sich die Politiker*innen an Ideale der Krisenkommunikation?
- Welche Frames verwenden die Politiker*innen und wie entwickelt sich das Framing im Zeitverlauf?
- Welche sprachlichen Stilmittel verwenden die Politiker*innen?
- Welche Mimik, Gestik und vokale Kommunikation verwenden die Politiker*innen?
- Wie ist die Inszenierung gestaltet?
Zur Beantwortung der Forschungsfragen werden 16 Videos öffentlicher Auftritte von Olaf Scholz (SPD), Christian Lindner (FDP), Robert Habeck und Annalena Baerbock (Die Grünen) im Zeitraum von der Entlassung Lindners am 6. November 2024 bis zur Abstimmung über die Vertrauensfrage am 16. Dezember 2024 mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet.
Die Ergebnisse umfassen fünf Teilaspekte: Krisenkommunikationsstrategien, Framing, sprachliche Stilmittel, nonverbale Kommunikation und Inszenierung. Bei den Krisenkommunikationsstrategien ergibt die Studie, dass Scholz und Lindner stark auf gegenseitige Kritik setzen, während die Grünen vor allem Sorgen äußern und deutlich zurückhaltender Schuld zuweisen. Auch beim Framing zeigen sich Unterschiede: Die Grünen betonen verstärkt außenpolitische Aspekte, während Scholz und Lindner die wirtschaftliche Lage hervorheben und Scholz zusätzlich den Ukraine-Krieg. Sprachliche Stilmittel dienen Scholz und Lindner häufig der gegenseitigen Kritik, während sich die Grünen stärker auf die Union konzentrieren.
Insgesamt zeigt sich, dass Umfang und Komplexität sprachlicher und nonverbaler Mittel stark vom Anlass abhängen. Die nonverbale Kommunikation ist zudem auch durch individuelle Gewohnheiten geprägt. Die Inszenierung wiederum variiert je nach Kontext und Verlauf der Krise.