Kommunikationswissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Medienberichterstattung über Kriminalität maßgeblich beeinflussen kann, wie Rezipierende Migration wahrnehmen. Obwohl laut Polizeilicher Kriminalstatistik im Jahr 2023 rund 33 % der Tatverdächtigen bei Gewaltdelikten nichtdeutsch waren, lag der Anteil nichtdeutscher Täterdarstellungen in Fernseh- und Zeitungsberichten bei 82-84 %. Diese Diskrepanz verdeutlicht eine mögliche Verzerrung, die das Bild von Migranten in der Öffentlichkeit prägen könnte. Besonders nach der Kölner Silvesternacht 2015 gewann die Diskussion über die Nennung der Täterherkunft in der Berichterstattung an Bedeutung. Dies führte dazu, dass der Deutsche Presserat seine Richtlinie zur Herkunftsnennung anpasste und Redaktionen wie die Sächsische Zeitung beschlossen, die Herkunft von Tatverdächtigen konsequent offenzulegen.
Stützend darauf untersucht die Arbeit den Einfluss der Herkunftsnennung von Straftätern in journalistischen Nachrichtenbeiträgen auf die öffentliche Einstellung gegenüber Migration. Mithilfe eines Online-Experiments wurden Versuchspersonen manipulierte Nachrichtenartikel mit variierender Täterherkunft (syrisch, deutsch, keine Angabe) oder ein neutraler Kontrollartikel vorgelegt. Im Anschluss bewerteten sie über standardisierte Fragebögen ihre Einstellung zu Migration, ihr subjektives Sicherheitsempfinden sowie mögliche stereotype Wahrnehmungen. Ziel der Methode war es, die Wirkungsmechanismen der Herkunftsnennung auf Einstellungsänderungen und Wahrnehmungsverzerrungen systematisch zu erfassen.
Die Ergebnisse deuten insgesamt darauf hin, dass kurzfritsige Medienstimuli nur begrenzte Effekte auf die Einstellungen der Rezipierende haben könnten. Eine langfristige mediale Prägung im Sinne des Kultivierungsasatzes könnte die Wahrnehmung der Täterherkunft bereits tief verankert haben. Daraus ergibt sich, dass kurzfristige experimentelle Reize möglicherweise nicht ausreichen, um bestehende Deutungsmuster zu verändern und zu messen. Zukünftige Forschungen sollten daher die bisherige Medienexposition systematisch erfassen und Langzeitdesigns einsetzen, um mögliche Kultivierungseffekte differenzierter zu messen. Ergänzend könnten qualitative Ansätze, etwa Tiefeninterviews, genutzt werden, um individuelle Wahrnehmungsprozesse und Deutungsmuster besser zu verstehen. Zudem wäre es sinnvoll, Stichproben stärker zu diversifizieren und Kontextfaktoren wie Straftattyp oder mediale Plattformen einzubeziehen, um differenzierte Sensibilitätsanalysen zu ermöglichen. Insgesamt verdeutlicht die Arbeit, dass die Herkunftsnennung von Straftätern ein sensibler Faktor in der Kriminalitätsberichterstattung ist, der nicht nur journalistische Verantwortung, sondern auch langfritsige gesellschaftliche Wirkung impliziert.