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Die Berichterstattung deutscher Leitmedien über den Nahostkonflikt

Eine quantitative Inhaltsanalyse deutscher Leitmedien auf Basis des Framing-Ansatzes

Der Nahostkonflikt ist einer der am längsten andauernden und komplexesten politischen Konflikte der heutigen Zeit. In den letzten Jahrzehnten hat er wiederholt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen auf israelischem und palästinensischem Gebiet geführt. Besonders in Deutschland, wo das historische Verhältnis zu Israel eine besondere Sensibilität erfordert, ist die Berichterstattung Gegenstand kontroverser Debatten.

Diese Arbeit untersucht, wie deutsche Leitmedien Israel im Kontext des israelisch-palästinensischen Konflikts framen und ob sich Unterschiede zwischen konservativen und links-liberalen Zeitungen vor und nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 feststellen lassen.

Theoretische Grundlage bildet der Framing-Ansatz nach Entman, ergänzt um generische Frames nach Semetko & Valkenburg sowie themenspezifische Frames, die aus dem Forschungsstand deduktiv abgeleitet wurden. Mittels quantitativer Inhaltsanalyse wurden 96 Artikel aus vier überregionalen Zeitungen (Die Welt, FAZ, Süddeutsche Zeitung und der Tagesspiegel) untersucht. Kodiert wurden vier themenspezifische Frames („Israel als Opfer terroristischer Gewalt“, „Israel als Aggressor“, „Israel als Besatzungsmacht“ und „Israel als demokratischer Staat“) sowie generische Frames zur Verantwortungszuschreibung.

Die Ergebnisse zeigen deutlich: Die Berichterstattung über Israel ist von Framing geprägt – und zwar nicht zufällig, sondern entlang der politischen Ausrichtung der Zeitungen. Konservative Zeitungen betonen Israel als Opfer, während links-liberale Zeitungen stärker kritische Perspektiven aufgreifen, etwa durch die Darstellung Israels als Aggressor oder Besatzungsmacht. Gleichzeitig zeigt sich, dass äußere Ereignisse wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 zu einer temporären Priorisierung der Berichterstattung führen können – etwa durch eine gestiegene Verwendung des Opfer-Frames oder eine reduzierte Nutzung des Demokratie-Frames.

Diese Arbeit unterstreicht die Relevanz des Framing-Ansatzes als analytisches Werkzeug für die Erforschung medialer Deutungsmuster in politischen Konflikten. Zugleich macht sie deutlich, dass die mediale Konstruktion von Realität in Zeiten eskalierender Gewalt nicht frei von normativen Prämissen ist.