Die vorliegende Arbeit untersucht, wie sich die Nutzung sozialer Medien auf zwei zentrale Dimensionen gesellschaftlichen Vertrauens, das generalisierte und das institutionelle Vertrauen, im Ländervergleich zwischen Deutschland und den USA auswirkt. Theoretisch verknüpft die Studie Ansätze der Social-Capital-Theory mit dem Konzept des Hybrid-Media-Systems, um die doppelte, verbindende und potenziell polarisierende Funktion sozialer Medien zu erklären.
Empirische Grundlage bildet eine quantitative Sekundäranalyse der parallel erhobenen Datensätze „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt 2023“ (Deutschland: n = 5.055; USA: n = 2.018). Es kommen hierarchische Regressionsmodelle mit schrittweiser Einbeziehung von Kontrollvariablen (Alter, Geschlecht, Bildungsniveau) sowie Interaktionstermen für das Land zur Anwendung.
Die Befunde widersprechen der gängigen Erwartung einer ausschließlich erosiven Wirkung sozialer Medien auf Vertrauen: Höhere Social-Media-Nutzung korreliert signifikant positiv mit generalisiertem Vertrauen (gesamt β ≈ .15) und, entgegen der Hypothese, ebenfalls positiv mit institutionellem Vertrauen (gesamt β ≈ .27). Ländervergleiche zeigen, dass diese Effekte in den USA ausgeprägter sind (generalisiertes Vertrauen: USA β ≈ .20 vs. DE β ≈ .12; institutionelles Vertrauen: USA β ≈ .35 vs. DE β ≈ .20), was mit stärkerer Nutzungsintensität, Polarisierung und Wahrnehmung von Desinformation im US-Mediensystem in Einklang steht. Die inkrementelle Varianzerklärung durch Social-Media-Nutzung bleibt moderat, liefert jedoch robuste Hinweise auf einen differenzierten Einfluss digitaler Kommunikationsnetzwerke.
Wesentliche Limitationen betreffen die Querschnittsstruktur der Daten, potenzielle Selektionsverzerrungen des Online-Panels sowie die Operationalisierung, für die im Rahmen der Analyse methodische Anpassungen vorgenommen wurden. Die Studie plädiert deshalb für eine differenzierte Erfassung von Nutzungsmotiven, Plattformdifferenzierung und longitudinale Designs, um Kausalmechanismen zu klären. Für die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft liefert die Arbeit einen nuancierten Befund: Soziale Medien wirken nicht per se vertrauensschädigend, ihre Wirkungen sind kontextabhängig und verlangen eine differenzierte theoretische und methodische Betrachtung.