Psychische Erkrankungen betreffen einen großen Teil der deutschen Bevölkerung und sind gesellschaftlich dennoch stark mit Vorurteilen belegt. Gleichzeitig wird eine zunehmende Boulevardisierung der Qualitätsmedien diskutiert, die in Beiträgen über psychische Gesundheit besonders problematisch ist und medienethische Fragen nach Verantwortung und Professionalität aufwirft.
Ziel der Studie war es deshalb, zu untersuchen, ob sich Qualitätsmedien in der Berichterstattung über psychische Gesundheit und Krankheit an boulevardeske Darstellungsformen annähern, wie stark Stigmatisierung auftritt und wie unterschiedliche psychische Störungen medial repräsentiert werden.
Die Untersuchung stützt sich theoretisch auf das Hard and Soft News-Konzept von Reinemann et al. (2011) zur Operationalisierung von Boulevardisierung sowie auf die Dimensionen thematischer Stigmatisierung und stigmabezogener Elemente nach Goulden et al. (2011) und wurde als manuelle quantitative Inhaltsanalyse der Berichterstattung der reichweitenstärksten Qualitätsmedien (Süddeutsche Zeitung, FAZ) und Boulevardmedien (Bild) im Jahr vor der COVID-19-Pandemie sowie im Zeitraum Juni 2024 bis Mai 2025 durchgeführt. Die Stichprobe basierte dabei auf einer systematischen Auswahl (Rössler, 2020) von Beiträgen dieser Medien, die sich inhaltlich mit psychischer Gesundheit oder Krankheit befassen und umfasste insgesamt 419 Artikel.
Die Ergebnisse zeigen, dass Boulevardmedien weiterhin deutlich boulevardesker berichten als Qualitätsmedien, der Unterschied in der Praxis jedoch so gering ist, dass eine deutliche Annäherung der Qualitätsmedien an boulevardeske Darstellungsformen festgestellt werden kann. Hinsichtlich der Stigmatisierung sticht hervor, dass Boulevardmedien psychische Störungen sowohl statistisch signifikant als auch praktisch deutlich stärker stigmatisieren als Qualitätsmedien. Dies verdeutlicht, dass Boulevardisierung nicht automatisch mit starker Stigmatisierung einhergeht. Die Analyse über den Zeitverlauf zeigt zudem, dass die Pandemie keinen langfristigen Einfluss auf die Art der Berichterstattung hatte. Auffällig ist eine selektive Berichterstattung, bei der die Präsenz verschiedener psychischer Störungen nicht mit ihrer tatsächlichen Prävalenz übereinstimmt und psychotische Störungen deutlich stärker stigmatisiert werden als Depressionen.
Die Studie liefert damit nicht nur Einblicke in die aktuelle mediale Darstellung psychischer Gesundheit und Krankheit, sondern schafft zugleich eine empirische Grundlage für gezielte Maßnahmen, um die Berichterstattung künftig noch differenzierter und verantwortungsvoller zu gestalten.