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Quellenvielfalt im Einparteienstaat?

Ein Vergleich der Quellen in der deutschen China-Berichterstattung vor und seit der Präsidentschaft Xi Jinpings

Dass China in Rankings zur weltweiten Pressefreiheit traditionell schlecht abschneidet, ist nicht neu. Seit der Präsidentschaft Xi Jinpings hat sich die Situation der chinesischen Medien aber deutlich verschlechtert. Zensur und Repressionen sowie ein hartes Vorgehen gegen Regimekritiker:innen sollen Medien von unliebsamen Berichten abhalten. Auch an ausländischen Korrespondent:innen und Medien geht dieser Richtungswechsel in der chinesischen Politik nicht spurlos vorbei. Der Zugang zu validen Informationen und Quellen stellt für Korrespondent:innen seit jeher eine große Herausforderung dar, da potentielle Gesprächspartner:innen teilweise vonseiten der Regierung bedroht und unter Druck gesetzt werden. Zuletzt berichteten Korrespondent:innen aber, dass insbesondere chinesische Expert:innen immer seltener für Interviews zur Verfügung stehen – eine Entwicklung, die sich erst seit Neuerem abzeichnet. Äußern würden sich laut den Berichten der Korrespondent:innen dagegen vor allem diejenigen Wissenschaftler:innen, die der Regierung freundlich gesinnt sind.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Auswirkungen dieser Veränderungen auf die deutsche China-Berichterstattung zu untersuchen. Hierzu werden mithilfe einer quantitativen Inhaltsanalyse 150 Artikel aus der SZ und dem Spiegel aus den Jahren 2011 und 2023 in Bezug auf die von den Journalist:innen verwendeten Quellen untersucht. Abschließend werden die Ergebnisse durch ein Leitfadeninterview mit dem ehemaligen China-Korrespondenten Marcel Grzanna eingeordnet.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die jüngsten politischen Entwicklungen in China sehr wohl in der Berichterstattung widerspiegeln. So verzeichnet die Berichterstattung 2023 eine deutliche Abnahme kritischer Stimmen aus China im Vergleich zu 2011, parallel zu einer Zunahme regierungsfreundlicher chinesischer Quellen. Gleichzeitig gewinnen Quellen aus der chinesischen Regierung in der Berichterstattung leicht an Bedeutung. Abgefangen werden diese die chinesische Regierung befürwortenden Stimmen durch Quellen aus dem Ausland, die sich im Gegenzug vermehrt kritisch äußern. Darüber hinaus hat sich der Anteil chinesischer Expert:innen in der Berichterstattung zugunsten von ausländischen Wissenschaftler:innen merklich verringert. Die vorliegende Arbeit ist für Leser:innen interessant, die sich tiefergehend mit der Arbeit von Korrespondent:innen und der Medienpolitik Chinas beschäftigen möchten sowie prinzipielles Interesse an der China-Berichterstattung in Deutschland aufweisen.