Im April 2024 wurde nach jahrelanger Ausarbeitung das Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag, kurz Selbstbestimmungsgesetz, verabschiedet. Es soll transgeschlechtlichen, intergeschlechtlichen und nichtbinären Menschen in Deutschland die rechtliche Änderung ihres Geschlechtseintrags und ihres Vornamens erleichtern. Das Gesetz löste bereits vor seiner Verabschiedung einen großen sozialen und medialen Diskurs aus. Während viele Betroffene die neuen Regelungen als längst überfällig und unzureichend empfinden, wird die öffentliche Debatte von populistischen und rechten Gegner*innen instrumentalisiert.
Diese Arbeit untersucht diese vermeintlich gegensätzlichen Positionen beispielhaft am Diskurs um das Selbstbestimmungsgesetz auf Twitter und legt besonderen Fokus auf feministische Perspektiven. Dabei werden mithilfe einer Netzwerkanalyse und einer qualitativen Inhaltsanalyse zentrale Akteur*innen, Communities und deren Beziehungen sowie diskursive Narrative herausgearbeitet. Für die methodische Untersuchung wird ein von Miriam Siemon (2025) für diese Arbeit bereitgestellter Datensatz verwendet, der aus 3200 Accounts und rund 302.000 Tweets besteht. Ausgehend von den methodischen Ergebnissen wird mithilfe von Frasers Konzept der subalternen Gegenöffentlichkeiten und von Corredors Movement-Countermovement-Theorie die Rolle feministischer Communities diskutiert.
In der Analyse werden drei zentrale Communities im Diskurs herausgearbeitet:
queerfeministische Unterstützer*innen sowie TERFs (Trans Exclusionary Radical Feminists) und konservative Akteur*innen als Gegner*innen des Gesetzes. Die TERFs nehmen insgesamt eine dominante und angreifende Position ein. Die Queerfeminist*innen hingegen nur eine zweitrangige. Die gegnerischen Akteur*innen schaffen es, die queer-feministische Position zu überlagern und einen gender-feministischen Diskurs in einen vorwiegend gender-kritischen umzuwandeln. Folglich wird argumentiert, dass queerfeministische Positionen
dabei bedingt als Gegenöffentlichkeiten fungieren, da die herangezogenen Theorien vor dem Hintergrund digital veränderter Öffentlichkeiten nur begrenzt auf soziale Medien übertragbar sind. Die Ergebnisse zeigen beispielhaft auf, wie sich feministische Gruppierungen in genderpolitischen Diskursen gegenüberstehen, woraus zukünftig Diskursstrategien herausgearbeitet und weiterentwickelt werden könnten.