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Innovationsprozesse im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und deren Auswirkungen auf den Public Value

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) in Deutschland befindet sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Digitale Disruption, fragmentierte Öffentlichkeiten, veränderte Mediennutzungsmuster sowie zunehmende politische und gesellschaftliche Kritik stellen seine Legitimation und zukünftige Relevanz infrage. Vor diesem Hintergrund gilt Innovation als zentrales Mittel, um den normativen Auftrag des ÖRR unter digitalen Bedingungen neu auszurichten und gesellschaftlichen Mehrwert langfristig zu sichern. Unklar bleibt jedoch, wie Innovationsprozesse in öffentlich-rechtlichen Medienorganisationen konkret ausgestaltet sind und in welchem Maße sie tatsächlich zur Generierung von Public Value beitragen.

Die vorliegende Studie untersucht Innovationsprozesse im deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und analysiert deren Bedeutung für die Erfüllung des öffentlichen Auftrags. Theoretisch verbindet die Arbeit zwei Perspektiven: Zum einen die Dynamic-Capabilities-Theorie, die organisationale Anpassungs- und Innovationsfähigkeit entlang der Dimensionen Sensing, Seizing und Reconfiguring beschreibt, zum anderen den Public-Value-Ansatz, der den gesellschaftlichen Nutzen öffentlicher Leistungen als zentrale Legitimationsgrundlage versteht. Die Kombination beider Ansätze ermöglicht es, Innovationsprozesse sowohl als strategisch-organisationale Praxis als auch als normativ begründete gesellschaftliche Leistung zu analysieren.

Methodisch basiert die Untersuchung auf einem qualitativen Forschungsdesign. Es wurden vier leitfadengestützte Experteninterviews mit Innovationsverantwortlichen aus öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sowie einer innovationsnahen externen Organisation geführt. Die Auswahl der Interviewpartner erfolgte gezielt nach ihrer Rolle in Innovationsprozessen. Die Auswertung der Interviewdaten erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring, wobei deduktiv entwickelte Kategorien aus den theoretischen Modellen mit induktiv gewonnenen Kategorien aus dem empirischen Material kombiniert wurden.

Die Ergebnisse zeigen, dass Innovationsarbeit im ÖRR stark nutzerzentriert, experimentell und prozessorientiert angelegt ist. Innovationsprojekte entstehen häufig kleinskalig, iterativ und mit engem Bezug zu digitalen Plattformen und Zielgruppenbedürfnissen. Gleichzeitig wird die nachhaltige Verankerung von Innovationen durch institutionelle Trägheit, komplexe Entscheidungslogiken und begrenzte Ressourcen erschwert. Public Value fungiert dabei sowohl als normative Orientierung für inhaltliche Entscheidungen als auch als symbolisches Legitimationsinstrument gegenüber Politik, Organisation und Öffentlichkeit.

Die Studie verdeutlicht, dass Innovationsfähigkeit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk weniger an fehlenden Ideen als an strukturellen Rahmenbedingungen scheitert. Für Wissenschaft und Praxis impliziert dies die Notwendigkeit, Innovationsprozesse stärker institutionell abzusichern und Public Value systematischer zu reflektieren und zu evaluieren.