transfer 25(3) » Rezeptions- und Wirkungsforschung

Die Effektivität des Fact-Checkings im „postfaktischen Zeitalter”

Einzelne Falschinformationen können in Sozialen Medien ungeprüft enorme Reichweiten erzielen. Die COVID-19-Pandemie hat noch einmal verdeutlicht, dass die Verbreitung von Desinformation und Misinformation eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt darstellen kann. In Reaktion auf „postfaktische“ Tendenzen steigt die Zahl der Neugründungen von Fact-Checking-Organisationen stetig an. Auch eine vermehrte Investition in Fact-Checking-Organisationen lässt die Frage aufkommen, ob politisches Fact-Checking effektiv gegen Desinformation und Misinformation wirken kann.

In der vorliegenden Arbeit wurde sich ausgehend vom Forschungsstand zu Desinformation und Debunking dem Untersuchungsobjekt genähert (u.a. Bennett & Livingston 2018, Freelon & Weels 2020, Peter & Koch 2019). Als zweite theoretische Säule wurden Arbeiten zu Fact-Checking-Organisationen und der Effektivität von journalistischen Faktenchecks herangezogen (u.a. Graves 2016, Nyhan & Reifler 2010). Mittels der Methode des Propositionalen Inventars (vgl. Bonfadelli & Meier 1984) wurden schließlich Primärstudien systematisch analysiert. Auf diese Weise konnten verschiedene Bedingungen identifiziert werden, die die Wahrscheinlichkeit eines effektiven Faktenchecks steigern.

Die Ergebnisse zeigen, dass Faktenchecks zwar über Parteigrenzen hinweg effektiv sind, die Wahrscheinlichkeit eines effektiven Faktenchecks aber steigt, wenn dieser im Einklang mit der politischen Voreinstellung der Rezipierenden ist. Daher sollte in der Praxis darauf geachtet werden, sensibel zu formulieren und durch den Faktencheck nicht gesamte Lebenswelten und politische Ausrichtungen zu diskreditieren. Einen weiteren Erfolgsindikator stellt die Präsentation in Form eines Videos dar, bevorzugt werden „short, shareable videos“ (Young et al. 2018). Damit der Faktencheck nachhaltig akzeptiert und verinnerlicht wird, sollten Formate gewählt werden, die über eine bloße Zuordnung von „wahr“/“falsch“ hinausgehen. Ein systematischer Faktencheck, der Akteuren und Quellen der Falschinformation nachgeht und seine Einordnung transparent herleitet, kann den continued influence effect eher überwinden. Außerdem sollte überprüft werden, ob begleitende Informationen und Bilder das Potenzial haben, Deutungsschemata zu aktivieren, die in Konflikt mit der Aussage des Faktenchecks stehen. Abschließend ist anzumerken, dass die Forschung zur Effektivität des Fact-Checkings bislang stark US-dominiert ist und Forschungsbedarf in Ländern mit einem geringeren Grad an politischer Polarisierung besteht.